“S.Dope-Sandwich” 2 - Eine pikareske Episode
Als da war ich, ein traumhafter, aber bescheidener Sdope666, in höchster erregter Erwartung tutti completti eingebettet in dies leckere Sandwich, mit einem imposanten Erdmanne, prall gestreckt, in schwarzer Olive.
Als da war ich nun, als da mit einem Mal ein erster geringer, aber von hier an stetig und mit wachsender Vehemenz auf Kenntnisnahme pochender Zweifel an meiner Ekstase nagte und mir neue, unliebsame Einsicht empfahl. Niemand würde kommen, an mir zu naschen, mich genussvoll zu verspeisen oder wenigstens heißhungrig zu verschlingen. Noch ausharrend, wurde ich zunehmend nervös, bald fickrig, bald hinreichend elend. Was, wenn der widerliche Zweifel die Wahrheit zeigte und in der Tat ein niemand käme, mich auf den kleinsten Happs auch nur zu kosten? Wie ausnehmend schrecklich! Einfach unvorstellbar! - Doch - wie so oft, ist der Belzebub erst einmal an der Wand - es geschah; der verschmähte frische Käse wurde sauer, der unbegehrte Räucherlachs voll Tran, die einst Öl triefende Olive dürr und damit der Aufregung zum trocken-unbequemen Kerker; mein liebes, unberührtes Erdmännchen - ganz unschuldig und nicht allein nur ohne Schuld - ging dann schließlich ein.
Da erkannte ich die Welt in ihren dunkelsten Farben. Meine Illusionen vom Guten und Gerechten in ihr, die meiner halbwüchsigen Arglosigkeit, meiner in entsetzlichem Maße unzureichenden Lebenserfahrung und der daraus resultierenden fehlenden Weisheit sowie meiner geringen Bildung geschuldet waren, verstarben in jenem Augenblicke. An ihre Stelle trat indes die Furcht vor des Schicksals jüngst erlebter Schlechtigkeit, die allerdings, was mich nicht wenig in Erstaunen zu versetzen vermochte, einherging mit einem berückenden, beinahe romantischen Fernweh, einer Sehnsucht nach Wiedergutmachung in der Fremde und, nicht zuletzt, dem Wunsche nach sofortiger Flucht aus dieser neuen, unwirtlichen Realität. Denn nichts hielt mich, den Herbeigeträumten, dennoch Ungewollten und schließlich Ausgestoßenen, hier noch länger am Platze; das Hochstaplerfahren ist des Arsches, und wollte ich auch wie ein Taugenichts bis zur Lebensmitte in einer Schule hocken, ich könnte dort in Gänze nicht mehr zu lernen bereit und in der Lage sein als an jedem einzelnen Tag einer in aller Hinsicht unbekannten Reise. Daher begab ich, ein Sdope666, mich also gar freiwillig und zudem, weil sich ja allzu oft in düsterem Auge keine Träne rühren will, eines unverhofft frohen Mutes auf lange, erlebnisreiche Wanderschaft …
Mein beschwingtes Ausschreiten führte mich in Bälde über flache Erhebungen und hohe Täler hinweg in ein weites Land außerordentlicher Schönheit hinein. Ja, das war schon etwas ganz anderes als die dunkle, kalte Welt, die ich so kurz entschlossen wie glücklicherweise leichtfertig hinter mir gelassen hatte. Ich spreche bewusst von Glück, da ich - und sicher nicht durch schnöden Zufall allein - ein Land gleich einem Paradies entdeckt zu haben schien. Und weil es eben so auffallend schön, so betörend und an den wahrlich rechten Stellen weiblich-üppig und wohlsüßduftend war, nannte ich für mich dies erotisch-saftige Land in großer Spontaneität „mein liebes Lisalinchen“. Singvögel sangen allenthalben, Summbienen summten nektarschwer und holde Nacktmullen schufen im Geheimen mittels ausgelassener Liebesspiele ebenso nackten Mullennachwuchs. Der frühe Sommersonnenstrahl schien mir zärtlich aufs Toupet, und all diese berauschenden Eindrücke zauberten mir ein kleines, lustiges Liedlein auf die fröhlich pfeifenden Grinselippchen. Wie froh, wie jauchzend ich doch war, ein freier, ein lebendiger Wandersmann auf diesem herrlichen Fleckchen Erde sein zu dürfen! Umso mehr ersehnte ich mir, gar sämtliche Ausformungen jenes verführerischen Lisalinchens, das mit prachtvoll-femininem Liebreiz alle meine Sinne zu locken verstand, in leidenschaftlich-maskuliner Ausführlichkeit zu erkunden.
Doch auch den bestgelaunten Wallfahrer lässt zumal das behaglichste Spazierengehen irgendwann einmal ermüden und dürsten. Aus diesem Grunde hielt ich still, machte Rast und schlürfte das wohlig kühl schmeckende, das sicherlich erquickendste aller nur erdenklichen Quellgetränke - besser noch als königliches China-Öl - aus einem nahe gelegenen Bächelein, labte mich sozusagen am wunderschönen Busen jener lustvoll-olympischen Natur, bis meine von Reise und Vergangenheit äußerst erschöpften Lebensgeister nicht nur wieder erstarkt, sondern mit zuvor nie für möglich erachtetem Elan neu befruchtet und beseelt waren. Ein redlicher Hochgenuss, wie alles bisher in diesem wundervollen Lisalinchen-Land! Und das Wunderliche sollte alsbald nicht abzureißen drohen …
Während meiner kurzen Pause, war es mir erneut, diesmal eingehender sogar, vergönnt, die opulente Landschaft, die sich um mich herum so ausgelassen und überbordend zu blühen nicht genierte, in Augenschein zu nehmen. In nicht allzu weiter Ferne erblickte ich den Ursprung des köstlichen Bächleins, ein silbernes Gewässer, halb Teich, halb See. Mir war - obwohl ich es nicht genau zu sagen gewagt hätte -, als ob an dessen flachem Ufer, unweit dem Rande des Pfades, den ich ja beging, eine Gestalt kauerte und - womöglich sogar meiner eigenen Person? - gemächlich zuzuwinken fortfuhr. Ich beschloss, dieser Frage nachgehen und den Winker aufsuchen zu müssen, hätte mich selbst mein regulärer Weg nicht ohnehin dort vorbeigeführt.
Das rätselhafte Winken erstarb, als ich gut die Hälfte der Strecke zurückgelegt und in der Tat eine menschliche Gestalt erkannt hatte. Ein alter Mann, dem Blümchen aus dem linken Ohr wuchsen, hockte lächelnd an einer ordentlichen Feuerstelle, die er offensichtlich gerade in Betrieb hatte nehmen wollen. Er gebärdete mir freundlich, heranzutreten und neben ihm Platz zu nehmen. Ganz außer Atem, weil ich mich auf den letzten Metern zu sehr beeilt hatte, nahm ich sein unerwartetes Angebot gerne an und setzte mich just in dem Moment, als der Fremde pötzlich, aber nicht etwa feindselig das geübt formulierte Wort an mich richtete:
„Fuge locum periculi plenum, domine!“
Obwohl ich ihr nicht mächtig war, erkannte ich sofort die höchste und beste aller Barbarensprachen, mit der zu sprechen er sich mir ganz selbstverständlich zugewandt hatte. Doch schon fuhr er fort:
„Nam draco malus in stagno vivit, qui devorat omnem populum. Postquam iam multos devoravit, oraculum imperatorum, ut draco abiret, filium suum draconi victimam dedere iussit.“
Wie erwähnt, beherrschte ich bis dato das Lateinische in keiner Weise. Jenes kurze Beispiel genügte jedoch meinem unfassbaren Sprachtalent, um mir in ausreichendem Maße antiken Wortschatz und Grammatik einzugeben, so dass ich genügend verstand und dem alten Römer ziemlich unüberlegt „Ego sum filius imperatoris!“ antwortete. Was den Alten augenblicklich zum hemmungslosen Lachen und seine Ohrblumen zum Wippen animierte.
Er hatte mir - soweit ich zu übersetzten vermochte - von einem gefräßigen Drachen erzählt, der in dem Teich vor uns wohne und dem eines Kaisers Sohn geopfert werden müsse, damit er weggehe und künftig vom Menschenfleisch ablasse. Ich hatte daraufhin - sehr unbedacht, wie ich zuzugeben gerne bereit bin - erwidert, selbstpersönlich jener sagenhafte Kaisersohn zu sein. Und nun prustete mein römischer Gastgeber immer noch - ohne dass ich auch nur im Mindestens hätte ärgerlich werden wollen -, hub mir mit erstaunlicher Kraft und in ebenso erstaunlicher Kameradschaft immerfort eine seiner schwieligen Pranken auf die Schulter.
Nachdem sich diese unbändige Freude annähernd normalisiert hatte und das Lagerfeuer endlich entfacht war, lud er mich zum Beisammensein mit ihm und dem Verzehr einiger gegrillter Käsegreiner ein. So erfuhr ich wie nebenbei, dass mein Römer gar kein Römer, sondern Grieche war, immer sehr frischen Atem hatte und von nun an mein Mentor sein wollte: dafürweil gab ich ihm den Namen Menthos, the freshmaker.
Er lobte meine lieblich-männliche Figur, die er ja ungehindert bewundern konnte, da ich mich nach dem Heraussteigen aus dem leider verschmäht gebliebenen leckeren Sdope666-Sandwich wieder anzukleiden versäumt hatte. Dieser Umstand hatte außerdem zur schmerzlichen Folge, dass meines Erdmannes empfindliches Köpfchen vom dauerhaften Über-den-Grund-schleifen beim Wandern doch einiges an wunden Spuren, Schrammen und Abschürfungen davongetragen hatte. Menthos, der alte Halodri, wusste aber die ein oder andere Heilbehandlung diesbezüglich anzuwenden.
Welche Lehre zieht ein Sdope666 nun aus dieser Episode? - In der Hauptsache wohl: niemals unbedarft und gutgläubig auf der frisch gegrillten Knackwurst seines Mentors herumzukauen, denn diese könnte ja mit brodelnd heißem Käse prall gefüllt sein, der zum unversehenen Hineinschießen in die arglose Gusche geradezu prädestiniert ist. Autschi-bautschi!